Brüder, eine Beziehung fürs Leben

Vor neun Jahren versuchte unsere Hebamme uns davon zu überzeugen, an einem Geburtsvorbereitungskurs für Eltern (die mindestens schon ein Kind haben) teilzunehmen. Mit einer gewissen Arroganz lehnten wir ab in dem Glauben nach der ersten Geburt schon alles über das Thema zu wissen. Wir hatten eine sehr liebe aber auch hartnäckige Hebamme, die uns doch dazu gebracht hat an dem Kurs teilzunehmen.

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An dem einzigen Kursabend, der mir in Erinnerung geblieben ist, übergab die Hebamme das Wort an eine Psychologin, die Geschwisterforschung betrieb. Es ging in ihrem Vortrag um Geschwisterkonstellationen und deren Auswirkungen auf das Familienleben. Uns stand die Geburt unseres zweiten Sohnes mit zwei Jahren Abstand zum Ersten bevor. Als sie diese Konstellation beschrieb dachte ich mir schon, dass das spannend wird, denn Brüder mit geringem Abstand rivalisieren von allen Geschwisterkonstellationen am stärksten. Rivalen fürs Leben, also?

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Dieser Frage gehen wir heute nach. Wir, das sind AnkeJulia, Anja, Yvonne und ich. Alle sind wir Mütter von zwei Söhnen und versuchen die Besonderheiten ihrer Brüderbeziehung zu verstehen. Dieses kleine Blogprojekt entstand übrigens während des Probenähens für die Bethioua Kinderschnitte.

In unserem Haus vergeht keine Stunde, in der sich unsere Jungs nicht streiten. Ruhe tritt nur ein, wenn sie vor dem Fernseher sitzen und sie sich schon um den besten Sofaplatz und die Macht über die Fernbedienung gebalgt haben. Und wenn sie schlafen sind sie natürlich besonders friedlich. Die Auseinandersetzungen sind meist körperlicher Art, was bei meinem Bruder und mir früher so nicht der Fall war. Ich bin die Ältere von uns beiden und wir haben uns früher auch gestritten, aber eher verbal und durch Streiche, daher ist dieses ständige Kräftemessen für mich manchmal schwer fassbar.

Erstaunlicherweise hat die Geburt unserer Tochter vor fast 4 Jahren das Verhältnis der beiden Großen nicht deutlich verändert, vielleicht ist dazu der Altersabstand von 5 und 7 Jahren zu groß. Oft versucht einer von beiden Brüdern, die Schwester auf seine Seite zu ziehen und damit den anderen auszugrenzen. Meine Nerven liegen manchmal blank angesichts dieser ständigen Streitereien. Auf die damit verbundene Lautstärke will ich lieber nicht eingehen.

Geschwister mit wenig Altersdifferenz unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit stärker als solche, die mit großem Abstand voneinander geboren wurden.” (Süddeutsche Zeitung 3.3.2010)

Dieser Satz hat mir noch einmal bewusst gemacht, wie unterschiedlich unsere Söhne sind. Ich hinterfrage das im Alltag nicht und finde dieses Blogprojekt eine gut Gelegenheit, diesem brüderlichen Verhältnis mehr auf den Grund zu gehen. Warum sind sie so unterschiedlich? Warum versuchen sie sich in vielen Lebenslagen voneinander abzugrenzen? Der Große hat eine große Leidenschaft für die Tier-, insbesondere die Hühnerhaltung, der Kleine spielt gerne Klavier. Der Große kann sich sehr gut alleine beschäftigen, der Kleine braucht immer Menschen um sich herum. Der Kleine hat sich Parkour als Sport ausgesucht, liebt es zu shoppen und mag gerne cool sein. Der Große trainiert eine japanische Kampfsportart und zieht am liebsten jeden Tag das gleiche an (ohne Rücksicht auf Flecken).

Wenn dagegen jedes Kind seine Nische gefunden hat, kann beispielsweise der kleine musikalische Bruder in seiner Sparte glänzen und muss nicht ständig auf dem Fußballplatz mit dem sportlichen Erstgeborenen konkurrieren.” (Süddeutsche Zeitung 3.3.2010)

Das kann ich tatsächlich so für uns bestätigen. Der Kleine sucht die Kamera, der Große meidet sie. Der eine steht für “Ja”, der andere für “Nein”.

Besonders spannend finde ich wie unterschiedlich sie die Welt um sich herum wahrnehmen. Wenn wir zum Beispiel nach Berlin reinfahren liest sich der eine jede Werbung durch, speichert jedes Strassenschild ab und freut sich auf die Geschäfte während der andere voller Abscheu für die vielen Menschen und die dreckige Luft nur darauf wartet wieder nach Hause zu kommen.

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Jeder von beiden hat eine ganz schöne Macht über das Leben und Wohlsein des anderen. Jeder weiß genau was dem anderen wehtut und dieses Wissen wird im passenden Moment gnadenlos angewendet. Sind wir aber woanders und sie begegnen fremden Kindern, so schließen sie sich sofort zu einer Einheit zusammen. Da sucht der Große oftmals Halt beim Kleinen, auch wenn er das nie zugeben würde. Zur Einheit werden sie übrigens auch, wenn es darum geht Dinge mit uns Eltern auszuhandeln. Und wie man an den Bildern sieht vereint sie das Quatschmachen, genauso wie sie gemeinsam streiten, können sie auch gemeinsam lachen. Der Spaß hört allerdings schnell wieder auf wenn es ums Essen geht. Wehe einer hat einen Pfannkuchen mehr. Wenn es nach ihnen ginge müsste ich eine Waage auf den Tisch stellen.

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Diese besondere Beziehung wird ein Leben lang anhalten. Auch für den Fall, dass man sich auseinanderlebt bleiben einem doch die Kindheitserinnerungen mit den Geschwistern und die damit verbundenen Gefühle erhalten. Freundschaften kann man beenden, die Blutsbande nicht. Geschwister überleben in der Regel ihre Eltern und damit ist die Geschwisterbeziehung die längste Beziehung im Leben. Ich hoffe, dass sich meine Kinder im Erwachsenenalter gegenseitig Halt geben, sich beraten und auch weiterhin gemeinsam Spaß haben.

“Geschwister”, sagt der Zürcher Psychologe Frick, “haben Macht. Man kann zu ihnen keine Nicht-Beziehung haben. Man hat so viel Zeit miteinander verbracht. Selbst wenn man sich überwirft und nicht mehr miteinander spricht: In Gedanken wird man sie nicht los.” Brüder und Schwestern beschäftige ihr Leben lang ein menschliches Grundthema: “Sie suchen die Anerkennung des anderen.”(Der Spiegel, 9.1.2006)

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Beim Sichten der Fotos mussten die Jungs sehr lachen, weil es auf dem kommenden Foto so aussieht als umarmten sie sich liebevoll, dabei wird der Kleine umklammert und versucht verzweifelt sich zu befreien. Das Bild sagt viel aus über die Beziehung der beiden.

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Ich hatte anfangs Bedenken, ob sich die beiden überhaupt auf Geschwisterpullis einlassen. Die Kuscheligkeit des Wellnessfleece und die Farbe konnten beide überzeugen. Der eine wollte “was Großes mit Parkour” vorne drauf, der andere wollte den Pulli “bitte ohne Nähte, Mama”…

Viele Grüße,

Elke


 

Weiterlesen kannst du heute bei:

Julia von Sousous Blog aus Casablanca
Anke von mojoanma

Und morgen:

Yvonne von Mamys Firlefanz schreibt hier bei Elle Puls
Anja schreibt als Gastbloggerin bei mojoanma



Schnittmuster: Bethioua Teens
Stoff: Wellnessfleece aus dem Stoffladen Potsdam

 

 

 

 

 

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20 thoughts on “Brüder, eine Beziehung fürs Leben

  1. mojoanma sagt:

    Liebe Elke, wenn ich das so lese erkenne ich uns bzw. meine Jungs total wieder – obwohl sie 5 Jahre auseinander sind…
    Auch mir fällt es schwer die Konflikte auszuhalten!
    Ich glaube *man* hat so eine Ideal Vorstellung von Geschwistern, die sich wohl oft nicht erfüllt…
    Wie schön mal unterschiedliche Sichtweisen zu lesen.
    Danke das ich dabei sein durfte.
    Liebe Grüsse
    Anke

    1. Elke sagt:

      Liebe Anke,
      ja, die unterschiedlichen Blickwinkel finde ich auch spannend. Ich freue mich auch schon auf den Beitrag von Anja morgen in deinem Blog!
      Liebe Grüße,
      Elke

  2. Sousou sagt:

    Waage auf dem Tisch kennt ich auch 😉 bin ich ja beruhigt
    Schöner Beitrag liebe Elke
    Grüße Julia

    1. Elke sagt:

      Hihi. Danke, liebe Julia.

  3. Ines sagt:

    Liebe Elke,
    ein interessantes Thema! Bei uns – logischerweise – auch ein tägliches Thema. Bei vier Söhnen mit Alterabstand 1,5 // 2 // 2,5 Jahren beobachten wir diese Verschiedenartigkeit mit dem jeweils nächsten auch.
    Der größte Unterschied besteht zwischen den zwei Großen mit dem sehr kurzen Alterabstand. Sie waren zwar immer gleich groß, hatten aber immer unterschiedliche Interessen. Und die Kämpfe zwischen diesen beiden waren teilweise sehr blutig. Und dann andererseits wieder das Verbünden: So saßen sie über Weihnachten gemeinsam friedlich auf dem Sofa unter einer Decke und schauten James Bond…
    Wir haben zwei Draußen- und zwei Drinnenkinder; zwei Leser und zwei Nichtleser, zwei Arbeiter und zwei Nachdenker;… Und meine Hoffnung ist, dass sie all’ ihre Erlebnisse miteinander in ihr Erwachsenenleben mitnehmen und dass unsere Jungs dadurch stark fürs Leben werden.
    Liebe Grüße
    Ines
    PS: Ich habe schon manche Bücher über Geschwisterkonstellationen gelesen – war echt lohneswert!

    1. Elke sagt:

      Liebe Ines,
      das klingt ja auch sehr spannend mit drei Jungs. Vor der Glotze sind bei uns auch alle artig und einer Meinung. Na gut, über das Programm kann man sich noch streiten…
      Welches Buch würdest du denn besonders empfehlen?
      Liebe Grüße,
      Elke

      1. Ines sagt:

        Hallo Elke,
        es sind ja vier Jungs… . Und da gibt es auch oft wechselnde Koalitionen. Heute kann der älteste mit dem zweiten, am nächsten Tag nur mit dem dritten. Mit dem vierten eigentlich immer. Und so wechselt das ständig durch.
        Aber die Kämpfe zwischen “1” und “2” sind die heftigsten. Und seit der große pupertätsbedingt einen Schub gemacht hat und enorm an Kraft zugelegt hat, lässt er das die Jüngeren richtig spüren. Die werden dann auch mal einfach rausgetragen… Und der zweite probiert jeden Tag, ob er dagegen halten kann: Ihr könnt euch also noch auf viele Kämpfe freuen…
        Gelesen habe ich von K. Leman “Geschwisterkonstellationen – die Familie bestimmt Ihr Leben”. Da sind recht gute Gedanken drin, an manchen Stellen (wenns um Erziehungstipps geht) liegt er teils daneben. Aber die Beschreibung der einzelnen Positionen ist gut. Und interessant auch das Kapitel “Geschwisterkonstellation und Ehe”. Da versteht man, warum es in manchen Ehen gerne kracht, da bspw. immer um die Position gerangelt wird.
        Liebe Grüße
        Ines

        1. Elke sagt:

          Danke, Ines, für den Buchtipp. Das klingt interessant.

  4. Lena sagt:

    Liebe Elke,
    ein sehr spannender Beitrag von dir. Bei uns gibt es ja (noch!?) nur einen Mops, sodass wir Geschwisterrevalitäten nicht kennen. Aber ich kann mich erinnern, dass es auch zwischen meinem Bruder und mir unzählige Kämpfe gab, wir sind auch genau zwei Jahre auseinander und ebenfalls wie Feuer und Wasser.
    Aber seit meinem Auszug aus dem Elternhaus haben wir tatsächlich ein gutes Verhältnis miteinander, das lässt doch auch für deine beiden Streithammel hoffen 🙂
    Die Sweater gefallen mir im Übrigen auch sehr gut, tolle Farbe!
    Beste Grüße, Lena

    1. Elke sagt:

      Liebe Lena,
      als Mutter von drei Kindern denke ich manchmal wie leicht das Leben doch sein muss mit nur einem Kind. Dabei weiß ich ja aus der Erfahrung, dass die ersten beiden Jahre mit dem mittlerweile Entthronten auch kein Zuckerschlecken waren. Da muss man dann als Eltern als “Ersatzgeschwister”einspringen und spielen. Manchmal ist es schon praktisch einfach sagen zu können: “Such dir jemanden zum Spielen, ich habe zu tun.” in dem Wissen, dass sich auch jemand finden wird in unserem Haus. Es bleibt also spannend ob euer Mops alleine bleibt…
      Liebe Grüße,
      Elke

  5. Kerstin sagt:

    Sehr interessant. Mit Junge und Mädchen kann ich nicht richtig mitreden, aber die Nische des anderen füllen auch unsere Beiden gegenseitig auf. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein und Streit gibt es auch sehr oft.
    LG
    Kerstin

    1. Elke sagt:

      Ich habe ja auch einen Bruder und weiß, dass dort auch nicht eitel Sonnenschein ist ;-). Und jetzt wo du es sagst, mein Bruder und ich sind auch sehr unterschiedlich.

  6. Yvonne sagt:

    Liebe Elke, ich bin auch bei meinen Jungs immer wieder erschüttert, wie dolle sie sich körperlich weh tun können. Ich kenne das aus meiner Kindheit nicht. Da ging es höchstens verbal hoch her. Wie sehr das uns Eltern auch in den nervlichen Ruin treiben, können sich die Kampfhähne gar nicht vorstellen. Es hilft nur eins. Selber ruhig bleiben und hoffen, dass irgendwann die Bruderliebe überwiegt. Kürzlich habe ich gelesen, dass die Scheidungsrate von Jungseltern am höchsten ist. Ich wünsche gutes Durchhaltevermögen und Nerven wie Drahtseil.
    Toller Text, tolle Bilder

    1. Elke sagt:

      Liebe Yvonne, Hilfe! Aber wie das bei Statistiken so ist, wir gehören natürlich zu dem Prozentsatz, der zusammenbleibt. Dafür muss ich dann wohl noch fleißig am Drahtseil schmieden.

  7. Liebe Elke,
    schreibst Du von unseren Jungs? Unsere sind ja etwas weniger als zwei Jahre auseinander und unser Alltag sieht auch so aus.
    Fast alles könnte ich eins zu eins unterschreiben und ich musste so lachen, als ich die Stelle gelesen habe, dass sie dann bei fremden Kindern aneinander kleben… bei uns ist es oft so an Kindergeburtstagen. Da sind so viele Kinder da und was sehe ich? Die beiden spielen zusammen…
    Bei uns fliegen auch so oft die Fetzen und ich denke, sie können nicht mit aber auch auf gar keinen Fall ohne einander.
    Bei Klamotten steht der Jüngere auch auf alles was cool ist, aber bis jetzt suchen sie sich immer genau den Stoff auch aus, den der andere nimmt.
    Bei uns sieht man allerdings nur dann den Altersunterschied, wenn man ihnen ins Gesicht schaut, sie sind beide gleich groß, das ist ziemlich blöd für den Großen.
    Ich habe mich auch mal ausführlich mit Geschwisterkonstellationen befasst und finde das ein sehr interessantes Thema.
    Herzlichst,
    Tessa

    1. Elke sagt:

      Liebe Tessa,
      oft denke ich, dass es nur bei uns so ist, daher ist es wirklich sehr erleichternd zu hören und zu lesen, dass es bei anderen ähnlich abgeht. Ich glaube bei uns dient die Kleidung schon dazu sich bewusst vom anderen abzugrenzen. Je bunter der Kleine wird, desto schlichter wird es beim Großen. Das mit der Größe stelle ich mir aber auch blöd vor für den Großen.
      Liebe Grüße,
      Elke

      1. Ja, ich finde es auch wirklich blöd für ihn, wer ist schon gerne der Große und dann mit dem jüngeren Bruder gleich groß, aber bis jetzt “beschwert” sich unser Große noch nicht darüber, aber wir erwähnen es eben auch nicht.
        Erst gestern haben sie sich wieder die selbe Jacke ausgesucht, mal gucken wie lange das noch anhält.
        Herzlichst,
        Tessa

  8. Silvia sagt:

    Immer wieder spannend, zu lesen/hören wie andere dieses Thema empfinden/erleben. Besonders berührt hat mich gerade der Satz auch wenn man nicht mehr mit Ihnen spricht, man denkt an Sie. Aus eigenem Erleben kann ich dies nur bestätigen. Ich lese gleich mal den anderen Beitrag noch und die anderen morgen.
    Danke dafür.
    LG Silvi

    1. Elke sagt:

      Liebe Silvi,
      ja, stimmt. Du hast noch mehr Kinder als ich, oder?

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