Gastbeitrag: Von Kriegspfaden, Brüdern und Friedenspfeifen

Wie spannend! Heute gibt es eine Premiere hier im Blog. Ich darf heute meine allererste Gastbloggerin begrüßen. Yvonne von Mamys Firlefanz macht mit beim Projekt „Brüder, eine besondere Beziehung“ und mangels eigenem Blog schreibt sie heute hier bei Elle Puls. Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen. Yvonne freut sich bestimmt, wenn du ihr einen Kommentar unter dem Artikel hinterlässt.


Den Blog von Elke lese ich schon seit Beginn meiner „Karriere“ an der Nähmaschine. Ich bin Yvonne, Ende 30 und seit 2013 dem Nähen verfallen. Ich bin immer wieder über mich selbst überrascht, was da so in mir schlummert. Im richtigen Leben bin ich Hebamme, Ehefrau des Lieblingsmannes und Mama von zwei Rabauken und einer kleinen Prinzessin. Um diese Rabauken soll es sich in meinem Gastbetrag drehen. Ich bin stolz und überglücklich, dass ich hier mitmischen durfte. Vielen lieben Dank an Elke.

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Brüder sind schon recht merkwürdige Wesen, meine Jungs auf jeden Fall. Im Moment können täglich Wetten abgeschlossen werden, wieviele Minuten es dauert, bis ein Streit vom Zaun gebrochen ist. 3,2,1,dann ertönt schon lautes Indianergeheul vom Kleinen (7 Jahre) und die sofort beschwichtigende, aber ebenfalls laute Stimme des Großen (12 Jahre):“Ich hab‘ doch gar nichts gemacht!“.

So geht das tagaus, tagein. Dabei war doch die Freude damals vor sieben Jahren über den Bruder sooo groß. Ich höre den Freudenschrei heute noch. Tja, da war der Rivale fürs ganze Leben geboren. Großer Bruder zu werden ist eine schwierige Aufgabe, egal wie man es anstellt, ob man unablässig bockt, verbal böse ist oder heimliche Giftpfeile schnitzt, man wird das Wesen Bruder nicht los und die Eltern haben es auch noch genau so lieb, wie einen selbst. Das ist schon gemein. Erstgeborene sollen sich ja eher zu verantwortungsbewußten, konservativen und mächtigen Zeitgenossen entwickeln. Unser Großer hat noch niemals den Schulbus verpasst, in der Schule noch keinen Radiergummi verloren oder sonst irgendwas verbummelt. Mutti muss gekocht haben, wenn der Sohn aus der Schule kommt und „Frauenaufgaben“ werden nur mit Widerwillen übernommen. Kann das Zufall sein? Der Jüngere ist der Rebell, setzt sich wortgewandt und lautstark durch. Zwei Fehler in der Mathearbeit werden von ihm gar nicht wahrgenommen, für den Großen wäre eine Welt zusammengebrochen. Er darf heute schon länger aufbleiben als der Bruder in seinem Alter, darf die Spielekonsole bedienen, die es damals mit 7 Jahren beim Großen noch gar nicht gab. Er war sogar zeitweise, ich glaube nur aus Protest zu den eingefahrenen Fußballvorlieben der zwei anderen Männer, Bayernfan. Das hätte sich unser Erster niemals getraut.

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So könnte ich die Liste unendlich fortsetzen. Mit dem Kleinen kann ich nach Berlin fahren und kein Wort sagen, da er ununterbrochen plappert und niemand sonst zu Wort kommt. Fahr ich mit dem Älteren vom Bodensee nach Kiel, kann es vorkommen, dass er die ganze Fahrt kein Wort spricht. Einer sensibel und in sich gekehrt, nachdenklich, ängstlich und vorsichtig und einer ein Draufgänger, nichts zu fremd, zu hoch, zu kalt. Und kaspern kann er, jeden in seinen Bann ziehen, schon alleine dadurch wird der Große wohl auch in den Hintergrund gedrängt. Ich habe mal gelesen, dass viele bekannte Komiker auch jüngere Brüder waren. Unserer hat das Zeug dazu, oder wenigstens zum Radioreporter.
Unsere Brüder schweben ständig zwischen Liebe und Hass, Grosszügigkeit und Neid, Angst und Vertrauen und sind ständig Rivalen. Wer bekommt das größte Eis, wer darf am längsten mit Mama kuscheln, wer ist der bessere Fußballer? Wenn man den Forschern Glauben schenken darf, ist das wohl auch normal und für uns Eltern nur sehr anstrengend. Doch Blut ist wohl doch dicker als Wasser, denn tief in Ihrem Herzen lieben sie sich, das weiß ich genau, nämlich dann, wenn der Jüngere dem Älteren eine Kugel Eis kauft, weil der sich vorher nicht getraut hat, oder der große Bruder stolz am Spielfeldrand grinst, wenn der Kleine sechs Tore in einer Halbzeit geschossen hat. Zugeben tut das natürlich niemand….Wir lieben sie genau so wie sie sind. Es tut gut, zuzusehen, wie beide mit Ihrer kleinen Schwester spielen, sich um sie kümmern und auch Verantwortung für sie übernehmen. Dann war wohl doch in der Erziehung nicht alles falsch.

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Mit unseren Fotos hab ich natürlich völlig unabsichtlich bis zum Wintereinbruch gewartet. Es war die schwierigste Aufgabe überhaupt, beide zusammen vor die Kamera zu bekommen. So sehen auch die Fotos aus. Aber so sind sie halt, die Streithähne. Deswegen haben unsere Bethiouas nur ein gemeinsames Detail und sind sonst verschieden. Eins war wichtig, cool mussten sie werden, ich denke, das ist gelungen.
Mit einem letzten Satz von Kurt Tucholski möchte ich meinen Betrag schließen (das Projekt hat mir übrigens viel Spaß gemacht): „Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife. Geschwister können beides.“


 

18 thoughts on “Gastbeitrag: Von Kriegspfaden, Brüdern und Friedenspfeifen

  1. Li. D. sagt:

    Hallo Yvonne,

    dein Beitrag klingt so, als ob du Mutter meiner beiden Söhne (12 und 8) wärst :-). In den Weihnachtsferien, in denen ich sie mehr unter den Augen hatte, ist das mal wieder so richtig bestätigt worden, dass sie sich tatsächlich „hasslieben“ ;-). Es ist einfach schön!

    Habe mich über deinen Beitrag gefreut. Ich wünsche deinen Jungs weiterhin viel Spaß miteinander.

    Li

    1. Yvonne sagt:

      Hallo Li.D.,
      das Beruhigende an der Sache ist für mich, dass es anderen Eltern genauso geht. Danke

  2. Dorothea sagt:

    Sehr coll,.. das sind genau unsere Erfahrungen!!!

  3. Ines sagt:

    Danke für deine Gedanken!! Das Zitat von Tucholski ist klasse: so sind unsere Jungs auch!! (s. gestern bei Elkes Beitrag).
    Viel Spaß mit deinen Jungs – das Abenteuer geht weiter (wahrscheinlich bis sie ausgezogen sind…)
    Liebe Grüße
    Ines

    1. Yvonne sagt:

      Liebe Ines,
      ich hoffe einfach darauf, dass sie sich, wenn sie mehr räumlichen Abstand zwischen sich gebracht haben, super verstehen und wie Pech und Schwefel zusammen halten.

  4. Petra sagt:

    Wow, ich dachte immer, nur unser Grosser ist ein stiller und der Kleine quirlig und redet gern, aber das scheint bei Euch auch der Fall zu sein. Bin echt froh, zufaellig diesen Beitrag gefunden zu haben. Wuensche mir nur, mein Mann koennte besser Deutsch, damit er es selber lesen kann, er verzweifelt an den Streitereien mehr als ich. Er hat zwar 5 Geschwister, aber er ist mit 10 Abstand der Juengste und quasi Als Einzelkind aufgewachsen. Unsere zwei sind 11 und 8 und wir wohnen in Kanada, also das „Problem“ geht ueber die Grenzen hinaus

    1. Yvonne sagt:

      Liebe Petra, danke für deine Gedanken. Kinder machen das Leben turbulent und erst interessant. Wenn mal nur einer zu hause ist, fühlt sich das an wie Urlaub. Bei euch bestimmt auch. Männer sind da noch empfindlicher was Geräuschpegel und Streitereien angeht. Das ist bei uns genauso. Halte durch

  5. Grit sagt:

    Es ist wirklich erstaunlich, dass es doch überall gleich ist . Dieser krasse Widerspruch zwischen „ich lieb dich“ oder „ich hasse dich“ bringt uns Eltern manchmal an die Grenzen der Belastbarkeit. Es geht oft nicht miteinander, aber ohne den Anderen ist es dann auch voll doof und langweilig. Ich vertraue auch darauf, dass sie später gemeinsam durch dick und dünn gehen…
    Liebe Grüße und Danke für den Beitrag,
    Grit.

  6. mojoanma sagt:

    Ein sehr schöner Beitrag.
    Da haben wir alle Jungs und sie sind alle so wunderbar, individuell, verschieden.
    Liebe Grüsse
    Anke

    1. Yvonne sagt:

      Danke liebe Anke.

  7. Nicole sagt:

    Hihi, leider ist meinem Sohn kein Bruder vergönnt, dafür jeder meiner Töchter zwei Schwestern. Darüber könnte ich sicher auch einiges schreiben. Keine gleicht der anderen. Mit der Ältesteten könnte ich wohl die beschriebene ruhige Zugreise ebenso absolvieren wie du. Je jünger, desto frecher und anstrengender. Scheint wohl eine gewisse Gesetzmäßigkeit dahinterzustecken, die einen dann zu einer solchen Kinderschar ermutigt-sonst wäre einem schon bei Nr. 1 der Spaß vergangen. 😀 Liebe Grüße von Nicole

    1. Yvonne sagt:

      Ja Nicole, schon aus Hebammensicht kann ich das nur bestätigen, wüsste man immer, was da kommt, hätte man es vielleicht so gelassen wie es war. Aber dann wären ja die ganzen Überraschungen im Leben weg. Nee, das möchte ich auch nicht, also doch lieber Drahtseile schmieden.

    2. Elke sagt:

      Na, dein Sohn weiß dann später mit Frauen umzugehen 😉

      1. Yvonne sagt:

        Hallo Elke, ich hoffe, er sieht, dass es bei Mama und Papa anders ist und nimmt das auf. Sonst wird er sich wohl oft einen Korb holen. Spätestens dann wird er es lernen, hoffe ich

  8. Susan sagt:

    Hallo Yvonne. Ich habe zwei Mädels und über Geschwisterliebe könnte ich glatt auch ein Buch schreiben. Unsere große ist auch eher die verantwortungsvolle aber auch die lautere. Die immer schon bei uns kämpft und sich durchsetzt. Die kleine darf dann schon immer alles (in den Augen der großen ) was sie sich erst mühsam erkämpfen musste. Na ja so ist es eigentlich nicht aber die große meint es so….
    Ansonsten ist es wohl auch mit zwei Mädchen ähnlich wie mit zwei Jungen. Sie lieben und sie hassen sich und das innerhalb von zwei Sekunden. Mal darf die kleine in das Zimmer von der großen und im nächsten Moment hängt ein zettel an der Tür, das die kleine niemals wieder rein darf. Anstrengend ist das für uns, logisch nur für die zwei. Schön ist es, das die beiden sich ihre kleinen Geheimnisse erzählen, die große auf die kleene aufpasst und sie zusammen halten wie Pech und Schwefel wenn es darauf ankommt. Ach ja, sie sind 12 und 13 und ich denke die nächsten Jahre werden noch recht interessant.

  9. Bine von echt Knorke sagt:

    Hallo Yvonne,

    beide den selben Aufdruck auf dem Shirt?! Das hätte böse Töne an mich gegeben. Das gleiche Schnittmuster, dann ist aber auch Schluß.
    Meine beiden Söhne sind deinen doch recht ähnlich. Der Kleine handelte stets nach dem Muster: bloß nicht so wie mein Bruder!
    Sie sind heute Mitte zwanzig und die dicksten Freude. Das berührt mich immer tief, denn ihr halbes Leben haben sie damit verbracht sich die Köpfe einzuhauen.
    Ganz wundervoll war Weihnachten, sie haben sich so liebevoll beschenkt das mir die Tränen kamen.

    1. Elke sagt:

      Mir kommen ja beim Lesen fast die Tränen! So wünsche ich es mir für meine Söhne später auch, liebe Bine.

  10. Yvonne sagt:

    Danke Bine für diese liebe Antwort. Ich hatte grade Tränen in den Augen. Ich habe so ein tolles Verhältnis zu meinem Bruder, der fast 12 Jahre jünger ist als ich. Ich wünsche mir das wahrscheinlich auch deswegen so sehr für meine Kinder und genieße diese Momente, wenn sie die Köpfe zusammen stecken und sich richtig lieb haben.

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